Nachdem meine kalifornischen Freunde es bei ihrem letzten Aufenthalt in "Good old Germany" endlich geschafft hatten, mich wieder einmal zu einem Besuch in Los Angeles zu überreden, dachte ich, es könnte nicht schaden, mich  während meines Aufenthalts dort einmal  Richtung Oxnard auf den Weg zu machen, um die amerikanische Produktionsstätte des eigentlich kanadischen Gitarrenherstellers Larrivée zu besichtigen.
Da wir mittlerweile ständig um die sechzig Gitarren von Jean im Shop haben, ein mehr als sinnvoller Besuch, um mal zu schauen wo unsere „Schätzchen“ hergestellt werden.

Kaum in LA angekommen - den Flug so einigermaßen „verdaut“ – also nichts wie ab ins Auto und auf nach Oxnard.

Vielleicht erst einmal etwas zu Larrivée prinzipiell:
Jean Larrivée unterhält zwei Fabrikationsstätten: Vancouver British Columbia, und Oxnard Kalifornien. Das Werk in Oxnard wird von Matthew, einem von Jeans zwei Söhnen  geleitet.  Hier werden alle von Larrivée angebotenen E-Gitarren, also die RS-2 Ventura, die RS-4 Monterrey, das T-Model Bakersfield, das S-Model Lancaster, alle akustischen Instrumente ab der Serie 05, die JCL-Serie, und die Custom-Shop Anfertigungen hergestellt. Des Weiteren wird hier demnächst auch die Serie 04 hergestellt werden, mit matter Korpuslackierung aber Hochglanzdecke.

Jean selbst lebt schon seit Jahren in Kalifornien, und hat seinen beruflichen "Hauptwirkungskreis" dementsprechend dorthin verlegt. In Vancouver wird die 02er, und 03er Serie hergestellt, also alles mit einer matten Lackierung bis zu einem Verkaufspreis von (bei uns) ca. 2000,-€, was aber vom Ausstoßvolumen den wohl größten Teil der gesamten Produktionsmenge  ausmachen dürfte. Die Betriebsstätte in British Columbia wird von Jeans anderem Sohn John geleitet.

Da kann ja mal die Frage erlaubt sein: "Was macht Jean dann eigentlich?" Nun, Jean ist hauptsächlich damit beschäftigt, um die Welt zu reisen und Hölzer für die Gitarrenproduktion einzukaufen. Er ist aber auch immer auf der Suche nach neuen "Gewächsen" und pflegt den Kontakt zu Händlern und Kollegen. So fand er zum Beispiel das Zargen- und Bodenholz Silver Oak für seine 45 Anniversary Serie auf einer Reise durch Australien. So macht sich das viele Reisen schon bezahlt, wenn man ab und zu mal eine so hervorragende Entdeckung macht. Wenn er aber in Oxnard ist, arbeitet er selbstverständlich mit in der Produktion – genauer gesagt im Custom-Shop - oder bastelt an neuen Modellideen. Er ist also Ideengeber und Kopf des Unternehmens, die Produktionsleitung übernehmen aber die Söhne. Man kann hier also von einem richtigen Familienunternehmen sprechen.

Jean ist während meines Besuches leider nicht vor Ort gewesen, um die Führung mit uns persönlich zu machen, er war zu diesem Zeitpunkt in Schanghai auf einer Messe. Deshalb hat Matthew mit uns den Rundgang  durch das Werk gemacht. Auch gut, kompetent auf dem Gebiet des Gitarrenbaus sind ja aus der Larrivée-Familie alle gleichermaßen.

Auf den ersten Blick ist man ein wenig ernüchtert über die Schlichtheit der Fabrikhalle inmitten eines Industriegebietes unweit des Pacific Highway's No.1, der sich an der Küste entlang Richtung Santa Barbara und dann weiter Richtung San Francisco schlängelt, aber wir befinden uns ja an der Westküste der vereinigten Staaten, wo ohnehin kaum etwas älter als hundert Jahre ist. Meine letzte Besichtigung einer Gitarrenfabrikation war im November 2011 bei Guild Guitars und die haben ihren Firmensitz an der Ostküste in New Hartfort Connecticut in einem Gebäude aus der Zeit vor dem Sezessionskrieg, erbaut um 1820.

Es ist ja eigentlich total bescheuert, sich der naiven Vorstellung hinzugeben, dass Handwerkskunst etwas mit den Gebäuden zu tun hat, in denen selbige ausgeübt wird. Mumpitz! Nichts als eine romantische Vorstellung meinerseits. Wie hätte es unser Altkanzler gesagt: "Wichtig ist, was hinten herauskommt." Das aber nicht immer etwas Exkrementes dabei herauskommen muss, wird hier in Oxnard ganz eindrucksvoll bewiesen. Die hier produzierten Instrumente sind handwerklich mit das Beste, was die amerikanische Gitarrenbauergilde hervorbringt.

Für mich war es natürlich reizvoll, wieder einmal eine etwas andere Arbeitsweise in Sachen Gitarrenbau kennenzulernen, wobei die grundsätzliche Herangehensweise an so ein Instrument natürlich immer gleich bzw. ähnlich ist, aber der Teufel sitzt ja bekanntlich im Detail.

Apropos Detail!

Hier  einige Details bzw. spezielle Fertigungsmethoden bei Larrivée:

Sperrholz? Ja,aber...
Ja, Sperrholz. Aber keine Panik, das einzige Stück Sperrholz in Larrivée Akustikgitarren ist aus zwölfschichtiger baltischer Birke, und wird an der Stelle angeleimt, wo später einmal der untere Gurtknopf eingeschraubt wird. Dieses Stück Sperrholz hat eine bessere Elastizität als Massivholz. Man baut es an dieser Stelle ein für den Fall, dass  das Instrument z.B. einmal unsanft abgestellt wird. Ein massiver Holzklotz würde eventuell brechen.

Sorgfalt in allen Arbeitsschritten, z. B:
Um Leimreste auf den Korpusrohlingen besser ausfindig machen zu können und damit es  beim Lackieren keine Komplikationen gibt,  werden diese mit „Schwarzlicht“  beleuchtet. Die dann gut sichtbar werdenden Leimreste werden markiert und anschließend durch nochmaliges  Schleifen entfernt.
Anm. d. Verf.: Der auf den „Schwarzlichtbildern“ zu sehende Korpus ist ein „Extremfall“. Normalerweise sind die Korpusrohlinge in der regulären Produktion wesentlich sauberer verleimt.

Neue Halsstäbe
Seit neustem werden in allen Larrivée-Gitarren sogenannte Double Action Trussrods verbaut, also Halsstäbe die sich in zwei  Richtungen einstellen lassen. Somit kann der Hals  einer Larrivée-Gitarre jetzt  konkav, aber auch konvex  justiert werden. Bisher ließ er sich nur konkav verstellen. Heißt: Der konvex eingesetzte Halsstab wurde per aufgesetzter Mutter angezogen oder aber entspannt. Der Nachteil bei diesen alten Halsstäben:
Wenn der Hals  zu wenig Krümmung hatte - also zu gerade war - und sich eine optimale Krümmung  trotz lösen des Halsstabes (entspannen des Halses) nicht einstellen ließ, hatte man unter Umständen  ein unspielbares Instrument. Kommt selten vor, ist aber auch bei Larrivée-Gitarren älteren Datums schon passiert. Holz ist halt - und sei noch so gut abgelagert - manchmal unberechenbar. Mit den neuen Halsstäben ist das kein Problem mehr. Eine gute Verbesserung,  wie ich finde...   :-)

Hals- Korpus Anpassung
Die Anpassung der Hals-Korpus Verbindung wird vor dem Lackieren vorgenommen. Anschließend bekommen Hals und Korpus dieselbe Nummer zugewiesen. Anhand der Nummern wird sichergestellt, dass nach dem Lackierprozess auch die zusammengehörenden Teile – nachdem sie an den zu leimenden Stellen gereinigt bzw. nochmals geschliffen wurden - zu einem Instrument  „vereint“  (verleimt) werden.

Lackierung
Nun könnte man glauben, dass mit dem Lack  ist ganz einfach: Grundieren, Schleifen, Lackieren, Polieren, fertig!
Dass dem nicht so ist und auch dem Polieren noch eine spezielle „Rolle“ zukommt, wurde uns von Matthew  detailliert erklärt. Die Vorgehensweise ist folgende:
Zuerst wird ein sogenannter „ Sealer“ - ein spezieller Lack zum Versiegeln - aufgetragen. Dieser verhindert, dass die folgenden Lackschichten „ungünstig“ mit  den im Holz befindlichen Ölen reagieren. Danach wird ein Porenfüller aufgetragen, damit die später zum Einsatz kommenden  Polyesterlacke nicht in das Holz einsinken, was eine ungleichmäßig dicke Lackschicht zur Folge hätte. Zwischen den Lackierschritten werden die Gitarren erst mit UV-Licht „vorgetrocknet“ und dann einige Tage im Klimaraum „nachgetrocknet“.

Das Polieren der Instrumente - wie oben schon erwähnt - spielt noch eine ganz besondere Rolle.  Hierbei wird nämlich der Klang des Instrumentes nicht unerheblich beeinflusst.
Grundsätzlich gilt, je dünner der Lack, desto besser ist die Tonentfaltung der Gitarre. „Grundsätzlich richtig“, meinte dazu Matthew, „aber bei manchen Gitarren ist die Absorbierung einiger Frequenzen durch einen etwas dickeren Lack durchaus erwünscht.“ Bedeutet also bei Larrivée, dass nicht alle Instrumente gleich poliert werden, sondern die Baureihen unterschiedlich  behandelt werden. Eine OM wird demnach also etwas intensiver poliert als beispielsweise eine Dreadnought. Das soll aber wiederum nicht heißen, dass nicht alle Instrumente auf Hochglanz gebracht werden. Sie werden es, und zwar deluxe ! 
Matthew erklärte uns weiterhin, dass das Schleifen und Polieren etwa dreißig bis fünfunddreißig Prozent des gesamten Herstellungsprozesses einer Gitarre ausmachen, und auch nur die Mitarbeiter des Unternehmens mit der meisten Erfahrung mit diesem Arbeitsprozess betraut sind.
 
E-Gitarren Special
Zu den E-Gitarren ist es interessant zu erwähnen, dass Matthew alle zum  Einsatz kommenden  Pickups selbst herstellt und zwar so authentisch wie möglich. So entwickelt er z.B. bei Humbuckern anhand eines Originals eines 59er Les Paul Pickups. Dazu lässt er eigens die Spulenkörper aus dem gleichen Material wie dem der "alten" herstellen, sowie Pole-Pieces nach Originalvorlage und auch der Draht wird bei einem Hersteller in Connecticut speziell hergestellt, um so nah wie möglich an das Original -  in diesem Fall der fünfziger Jahre  - heranzukommen. Gewickelt wird auf Maschinen, die tatsächlich auch aus den fünfziger bzw. sechziger Jahren stammen. Da spürt man die Liebe zum Detail, die nicht nur bei den akustischen Instrumenten, sondern auch bei den E-Gitarren  penibel umgesetzt wird, um bestmögliche Klangergebnisse zu erzielen.

Zum Schluss noch die Sache mit dem Taschengeld
Am Ende der Führung erzählte Matthew uns noch, dass er als Jugendlicher sein Taschengeld damit aufgebessert habe, an den Wochenenden in der Fabrik seines Vaters so „anspruchsvolle“ Arbeiten zu verrichten wie beispielsweise „Zargenbänder oder Halsrohlinge sägen“ und diese dann für die Produktion bereitzustellen. Eine stupide Arbeit, wie er meint ( womit er auch Recht hat ), die aber trotzdem von irgendwem gemacht werden muss, bzw. musste. Was tut man nicht alles für eine Handvoll Dollar. Mittlerweile werden diese Arbeiten von CNC -Maschinen erledigt. Darüber ist  zumindest  Matthew sehr froh......sagt er!  ;-)

Alles in allem war es für mich ein sehr aufschlussreicher Nachmittag. Obwohl nicht mehr alle Arbeitsstationen besetzt waren, da wir mit der Werksführung erst am späten Nachmittag begannen, als einige der Mitarbeiter schon Feierabend gemacht hatten, (wer zu spät kommt ...), wurde mir trotzdem die Arbeitsweise ( wann welcher Produktionsschritt gemacht wird, und warum) bei Larrivée um einiges klarer.

Wieder einmal wurden mir die Feinheiten und Philosophien des Gitarrenbaus näher gebracht, über die ich so noch nicht nachgedacht hatte, wie zum Beispiel über die Sache mit der „Resonanzjustage“ durch die Lackierung, bzw. der bewussten Klangeinflussnahme je nach Dicke derselbigen. Man(n) lernt halt nicht aus!

Munter bleiben!

Jens Petersen (L.A., Oktober 2012)